Benyamin Reich: Parochet

Ausstellung vom 19.02. – 03.04.2026 in der St. Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin

 

Pressevorbesichtigung:
Mittwoch, 18. Februar 2026, 11 Uhr
Akkreditierung unter info@stiftung-stmatthaeus.de

 

Eröffnung:
Mittwoch, 18. Januar 2026, 18 Uhr
im Rahmen des Ökumenischen Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler

© Benyamin Reich

Im Zentrum der Ausstellung des jüdischen Künstlers Benyamin Reich steht eine große Installation: der Talmudvorhang (hebräisch: »Parochet«). Während der Passionszeit verhüllt er den Altar von St. Matthäus.

In seiner diskursiven Struktur laufen Bild und Text, Schrift und Bildlichkeit, ineinander – gleich einem Text, der in die Welt kommt und Fragen aufwirft. Das Gewebe aus talmudischen Texten, kabbalistischen Symbolen und Bildern des Künstlers erinnert dabei an den feingestickten Vorhang des Jerusalemer Tempels sowie die Vorhänge aller späteren Synagogen, die nach rabbinischem Verständnis auf einen metaphysischen Vorhang im Himmel zurückgehen. Zugleich erinnert er an christliche Fastentücher, die traditionell während der Passionszeit den Altar einer Kirche verhüllen und so den Kontakt zwischen Gott und Mensch temporär in Frage stellen – ein jüdisch-christlicher Dialog der Traditionen.

»Die Synagogen meiner Kindheit waren ungleich Kirchen und den Heiligtümern des Altertums schmucklos – keine Bilder, nichts, woran das Auge verweilen konnte. Nur der Samtvorhang, der den heiligen Schrein mit den verborgenen Tora-Rollen bedeckte, war geschmückt, manchmal mit Darstellungen, sogar mit Tierfiguren. Zur Zeit des antiken jüdischen Tempels wurde diese textile Trennwand von Frauen gefertigt, die auf dem Stoff auch die Cherubim darstellten. Sie bedeckten das Heilige und schieden so das innere Sakrale vom äußeren Sakralen wie auch vom Profanen. Mein Parochet versucht etwas Ähnliches zu schaffen: Ich nehme die heiligen Seiten aus dem jüdischen Bücherschrank und verwebe sie mit Bildern klassischer Skulpturen – scheinbar profaner Art –, die durch ihre Nähe selbst wieder heilig werden.« – Benyamin Reich

Auf dem Talmudvorhang sind aus Genisot, dem traditionellen Aufbewahrungsort nicht mehr verwendeter heiliger Schriften, gesammelte hebräische und aramäische Texte aus dem 3500 Jahre alten jüdischen Literaturkanon angebracht, die mit kleinen Fotoarbeiten des Künstlers Benyamin Reich sowie mit von ihm ausgewählten Zeichnungen durchzogen sind. Auf der Empore der Kirche wird der Vorhang durch weitere Collagenarbeiten in Vitrinen und freihängende Fotografien an den Wänden gespiegelt, deren Bildsprache die Grundlinien des Vorhangs aufgreift und diese um interreligiöse Querverbindungen zu christlichen-ikonographischen Motiven sowie hellenistisch-klassizistischen Schönheitsidealen bereichert.

Die drei Bereiche bilden ein Dreieck einander ergänzender Themenwelten, zusammengehalten durch subtile Anklänge an die Sefirot – die göttlichen Eigenschaften der jüdischen Mystik. Ein zentrales Motiv ist dabei eine Ästhetik der Vulnerabilität, aus der sich Spuren von Reichs Lebensgeschichte abzeichnen: Spuren einer Suche nach dem Heiligen und dem Profanen, nach Schönheit, Verführung und Transzendenz. So treten etwa die verkörperlichten Männlichkeitsideale klassisch-heroischer Statuen in einen kunsthistorisch fortgeschriebenen Dialog mit der verletzlichen Leiblichkeit Jesu. In ihrem Spannungsfeld entsteht zugleich eine Dialektik versöhnlicher Kontraste – zwischen dem modernen Berlin und den bedeutungsschweren Widersprüchen eines panabrahamitischen Jerusalem.

Die Ausstellung kombiniert damit Bilder aus drei Traditionssträngen, die in der christlichen Passionszeit zusammenfinden: das jüdisch-talmudische Erbe, die jesuanisch-christliche Überlieferung und das hellenistisch-römische Heidentum. In ihren unterschiedlichen, sich teils ergänzenden, teils widersprechenden Vorstellungen von Geistigkeit und Körperlichkeit bündeln sich existenzielle Themen wie Leid, Martyrium, Verfolgung, aber auch Spiegelungen universeller Motive wie der Verlust des Paradieses vor dem Hintergrund des kabbalistischen Ez Chajim (»Lebensbaum« der göttlichen Innenwelt) und Adam Hakadmon (»Urmensch«, anthropomorph-metaphysische Urgestalt aller Schöpfung). In der Gestalt des zwischen den Welten lebenden Juden Jesus sollen diese Stränge sinnbildlich zusammenkommen.

Die Ausstellung ist kuratiert vom Künstler Benyamin Reich. Christliche-theologische Beratung erfolgte durch Pfarrer Hannes Langbein, Direktor der Stiftung St. Matthäus, die rabbinische Beratung durch Netanel Olhoeft, Gemeinderabbiner in Oldenburg. Der Talmudvorhang wird ergänzt durch Zeichnungen von Dana Gazit.

Benyamin Reich (*1976 in Bnei Brak bei Tel Aviv) ist ein jüdischer Fotograf und Künstler. Er wuchs in einer chassidisch-ultraorthodoxen Familie in Israel auf. Nachdem er sich im Alter von 16 Jahren von der sittenstrengen und gesellschaftlich abgesonderten Gemeinschaft der Orthodoxie abgewendet hatte, widmete er sich einem Leben der Kunst, vor allem der Fotografie. Nach seinem Studium an der Pariser École nationale supérieure des beaux-arts sowie der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem, begann er seine künstlerische Karriere mit verschiedenen Ausstellungen in Israel, Deutschland und ganz Europa. In seinen Werken versucht Reich, aus den abrahamitischen und anderen Religionen gewonnene ästhetische Funken in der modernen Welt und in der Natur wiederzufinden. Mit Hilfe von Installationen, Landschaftsbildern, Stillleben und der Porträtfotografie, vereinigt er vermeintliche Extreme und Gegensätze wie Sinnlichkeit und Geistigkeit, Heiligkeit und Profanität, Monotheismus und Paganismus, Natur und Menschheit. Seit 2009 lebt er in Berlin.

Begleitprogramm zur Ausstellung:

26.02.2026, 19:00 Uhr
Künstlergespräch
mit Benyamin Reich, Rabbiner Netanel Olhoeft und Pfarrer Hannes Langbein, Direktor der Stiftung St. Matthäus

01.03.2026, 11:30 Uhr
Familienkunstgottesdienst hORA+
mit Kantorin Avitall Gerstetter und Pfarrer Hannes Langbein, Liturgie

05.03.2026, 19:00 Uhr
Konzert
mit Ben Osborn, Klavier- und elektronische Volksmusik

22.03.2026, 18:00 Uhr
LABORa-Gottesdienst
mit Pfarrer Hannes Langbein, Predigt und Liturgie, Dietrich Sagert, Lesung, und Lothar Knappe, Orgel

02.04.2026, 19:00 Uhr
tempel@hof
Pessach-Performance, kuratiert von Giovanni Vinciguerra und Lucas Shiller

Die Ausstellung wird gefördert vom Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V. und der Ursula Lachnit-Fixon Stiftung

Laufzeit:
19.02. – 03.04.2026

 

Ort:
St. Matthäus-Kirche
Kulturforum Berlin
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

 

Öffnungszeiten:
Di bis So, 11:00 bis 18:00 Uhr

 

Eintritt frei

Gefördert durch: