Nadine Schemmann: Als ich dachte es sei Luft
KJUBH Köln © Studio Nadine Schemmann
Die Luft – das unsichtbare Volumen eines Raumes – spielt in Kirchenräumen eine besondere Rolle: als Klangträger für Wort und Musik, als Medium des Atems und nicht zuletzt als Sinnbild des Geistes, der als unsichtbare Kraft Himmel und Erde, Gott und Mensch miteinander verbindet. »Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.« (Johannes 3,8)
Für St. Matthäus entwickelt Nadine Schemmann eine ortsspezifische Installation, die Apsis und Kirchenschiff gleichermaßen einbezieht und in ein spannungsvolles Verhältnis zueinander setzt. Von der inneren Apsis – dem Altarbereich – aus entfalten sich Leinenbahnen in den Raum hinein und verbinden die architektonischen Zonen der Kirche zu einem zusammenhängenden Bildraum. Farben auf Leinen werden zu beweglichen, lebendigen Körpern, die Schichten, Tiefe und Energie in sich tragen. Durch die Bahnen ebenso wie durch den malerischen Prozess entsteht eine Strömung: ein Fluss von Farbe, der sich durch Apsis und Kirchenschiff bewegt und beiden Räumen eine gleichwertige Präsenz verleiht.
Die Installation verweist auf das Unsichtbare, auf Übergänge zwischen Materie und Empfindung, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Schemmanns Malerei bewegt sich im Spannungsfeld von Stofflichkeit und Transparenz, von Körper und Licht.
Das Wehen des Geistes und seine verbindende Kraft zwischen Himmel und Erde werden besonders in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten – dem Fest des Heiligen Geistes – in der skulpturalen Intervention im inneren Luftraum von St. Matthäus erfahrbar. Im sakralen Kontext entfalten die Arbeiten eine besondere Resonanz: Der Kirchenraum, ein Ort der Sammlung, der Öffnung und der Transzendenz, wird zum Gegenüber und zugleich zum Teil der Malerei.
Leinenbahnen breiten sich über das Hauptschiff aus und rahmen den Raum. Licht, Stille und Architektur werden zu Trägern der Stoffe. Der sakrale Raum wird so zu einem Ort des Übergangs – zwischen Sehen und Empfinden, zwischen Stoff und Geist, zwischen Innen und Außen. Einige Arbeiten hängen frei von der Decke oder entfalten sich von der Wand in den Raum hinein. Es entsteht eine lebendige Beziehung zwischen Werk und Architektur, zwischen Körper und Atmosphäre.
Das wechselnde Tageslicht lässt die Farbflächen pulsieren. Farbe tritt in Dialog mit dem Licht, das durch die Fenster fällt. Zwischen Gewebe und Luft, zwischen Innen und Außen entsteht eine visuelle Atmung – eine stille, fließende, kontemplative Bewegung. Die Leinenstoffe mit den für Schemmann charakteristischen fließenden Farbfeldern verbinden schwebend die Höhen und Tiefen des Raumes, verdichten sich hinter dem Altar und scheinen die Kirchenmauern zu durchdringen.
So entsteht eine visuelle Dynamik, die Himmel und Erde, Luftvolumen und Architektur, Innen und Außen miteinander verbindet. Dabei greift Nadine Schemmann die liturgischen Farben des Kirchenjahres auf, für sie stets auch Ausdruck von Berührung und Begegnung. Der Kirchenraum wird zum Farbraum – zu einem dreidimensionalen Gemälde und zugleich zu einem Sinnbild der belebenden und schöpferischen Kraft des Geistes.
In Schemmanns malerischen Arbeiten wird Farbe zu einem atmenden Material. Sie ist nicht festgelegt, sondern in stetem Wandel: Sie breitet sich aus, zieht sich zurück, überlagert sich und lässt Räume entstehen, die gleichermaßen innerlich wie äußerlich erfahrbar sind. Wo sonst das Altarbild seinen Platz hat, erhebt sich nun eine aus Stoff geschaffene Skulptur. Aus verdichteten Bündeln lösen sich Bahnen, die sich himmelwärts entfalten – als Gebärde des Aufstiegs, der Öffnung und der Verbindung zwischen Erde und Himmel.
Schemmanns Werk bewegt sich insgesamt zwischen Malerei, Skulptur und Installation. Leinen nutzt sie nicht nur als Träger, sondern als Körper, als Haut, als Grenze und zugleich als Durchgang. Stoff erscheint als atmendes Material: mal gespannt, mal gelöst, mal frei im Raum fließend. Farbe und Leinwand treten in eine Beziehung, die sich stetig verändert – zwischen Verdichtung und Auflösung, Sichtbarkeit und Schweben. Die Stofflichkeit des Leinens bleibt dabei stets spürbar. Sie trägt die Spuren des Prozesses, der Geste und der Zeit.
Durch Techniken wie Bleichen, Schichten und das freie Hängen der Stoffe entstehen Farbflächen, die durchlässig sind und den Raum in ihre Bewegung einbeziehen. Im sakralen Kontext der St.-Matthäus-Kirche wird dieses Wechselspiel von Materialität und Immateriellem besonders intensiv erfahrbar. Die Weite, das Licht und die stille Präsenz des Kirchenraums bilden ein Resonanzfeld, in dem sich Schemmanns Malerei entfalten kann.
Die Ausstellung widmet sich der Bewegung von Farbe, Stoff und Licht und der Frage, wie Malerei über ihre eigene Fläche hinaus in den Raum wirkt. Auf rohem Leinen, in Schichten, Spuren und Übergängen entwickelt sich eine malerische Sprache, die zugleich körperlich und immateriell ist. Farbe wird zur Bewegung im Raum – im Wandel des natürlichen Lichts, zwischen Fläche und Luft, zwischen Innen und Außen.
Zur Künstlerin
Nadine Schemmann (*1977 in Solingen) lebt und arbeitet in Berlin. Nach einem Studium an der Köln International School of Design sowie an der Universität der Künste Berlin wandte sie sich zunehmend der Malerei und Installation zu. Ihre Arbeiten bewegen sich im Grenzbereich zwischen Bild, Objekt und Raum. Die Materialität von Leinen, Pigment und Licht spielt dabei eine zentrale Rolle. Schemmann versteht den Stoff nicht nur als Träger, sondern als eigenständigen Körper – als Haut, Resonanzfläche und Medium des Übergangs.
Bekannt wurde sie durch raumgreifende Installationen und malerische Arbeiten, die unter anderem im Museum Wiesbaden, im Kunstverein Dresden sowie in Galerien wie Sommer Contemporary Art, Zürich, Galerie Norbert Arns, Köln, und Haverkampf Leistenschneider, Berlin, gezeigt wurden. Ihre Werke lösen sich häufig von der Fläche, hängen frei im Raum und werden zu Stoffbahnen, die atmen, sich verschieben und verändern. Farbe ist bei Schemmann kein fixer Zustand, sondern ein Prozess – eine Bewegung von Verdichtung und Auflösung, ein sichtbarer Atem.
© Studio Nadine Schemmann
© Studio Nadine Schemmann
© Studio Nadine Schemmann
© Studio Nadine Schemmann
© Studio Nadine Schemmann, Foto: © Hanno Plate