J. S. Bachs Kunst und die Judenverachtung

Vortrag des Musikwissenschaftlers Dr. Rüdiger Nolte

Von Elias Gottlob Haußmann – http://www.jsbach.net/bass/elements/bach-hausmann.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=106500145

Johann Sebastian Bachs sogenannte »Judenchöre« in seiner Johannes- und Matthäus-Passion verstören uns. Sie stören unser Ideal von Bach, dessen musikalische Kunst uns staunen lässt.

Wie ging Bach um mit der Vorlage des Bibel-Berichts über die Passion Jesu? Hat er versucht, die hörende Gemeinde der Leipziger Thomaskirche im Verhältnis zur judenfeindlichen Textvorlage zusätzlich zu beeinflussen? Oder verblieb seine kompositorische Kunst im Rahmen der antijüdischen Konvention seiner Zeit? und Wie unterscheidet Bach die Berichte aus den Evangelien vom Bedenken des Verhältnisses zwischen Jesu Reinheit und »unserer“ gegebenen Schuld, reflektiert in Ariosi, Arien, betrachtenden Chören und Chorälen?

Weil »Jüden« in diesen Passionsteilen nicht vorkommen, werden sie nicht selten als Beleg dafür verstanden, dass es in den Bachschen Passionen gar nicht um Judenverachtung gehe. Doch was ist mit indirekter Judenfeindschaft? Wie geht Bach kompositorisch damit um?

Seit frühchristlicher Zeit hatte sich Antijudaismus in Europa über Jahrhunderte wie eine verselbständigte Haltung etabliert, wie ein alternativlos totaler Diskurs, religiös begründet, aber kirchlich, d.h. machtpolitisch bestimmt. Oder kennt jemand ein Zeugnis bis zur Mitte des 18. Jh.‘s, das gegen Judenfeindschaft argumentiert hätte?

Im Vortrag wird versucht, J.S. Bachs oratorische Passionen nicht biografisch, sondern in solchen Zusammenhängen zu verstehen – und damit innerhalb einer tiefen europäischen Tradition, mit der auch wir es heute noch zu tun haben. Nicht zuletzt mit unserer Rezeption sakraler Kunst. Erleben wir eigene Verstrickungen im Kunst-Erlebnis der Bachschen Passionen?

Termin:
30.03.2026, 19:00 Uhr

 

Ort:
St. Matthäus-Kirche
Kulturforum Berlin
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

 

Eintritt frei