LICHTAUS LICHTAN

Ausstellung vom 12. September 2025 bis 4. Januar 2026 in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum Berlin

 

Eröffnung: 11. September 2025,
19 bis 22 Uhr mit einer Bar von WolffJordan

 

Berlin Art Week Features Night:
12. September 2025, 20.30 bis 22 Uhr

 

Berlin Art Week Special Screening von Wendi Yan, Dream of Walnut Palaces, 2025, commissioned by THE VH AWARD, organized by Hyundai Motor Group:

 

12. September 2025, 20:30 bis 21.30 Uhr, BAW Garten
11. bis 14. September 2025, St. Matthäus-Kirche am Kulturforum

 

Curator’s Talk: 14. September 2025, 15.30 Uhr

 

Orgelkonzert mit Maximilian Schnaus: 11. November 2025, 19:00 Uhr

LICHTAUS LICHTAN, Ausstellungsansicht St. Matthäus-Kirche © Kristina Nagel, Untitled, 2024 (Altarbild) / Lukas Heerich, It was always you, 2025 (Stiefel) / Guan Xiao, Which one is your sword? No. 2, 2023 (Skulptur im Vordergrund), Foto: © Leo Seidel

Mit Werken von Vitória Cribb, Doku, Lukas Heerich, Leiko Ikemura, Ju Young Kim, Isa Melsheimer, Kristina Nagel, Norbert Schwontkowski, Minh Lan Tran, Nicole Wermers, Guan Xiao, Wendi Yan

Permanent installierte Werke aus der Sammlung der Stiftung St. Matthäus von Madeleine Dietz, Sigmund Hahn, Leiko Ikemura, Gerhard Marcks, Gerhard Schreiter, Vadim Sidur und Micha Ullman sowie als Dauerleihgabe aus dem Bode-Museum ein Werk aus der Riemenschneider-Schule

Kuratiert von Anna-Catharina Gebbers

Über die Ausstellung:

LICHTAUS LICHTAN vereint 20 Werke von zwölf Künstler*innen, deren künstlerische Praxis sowohl formal wie inhaltlich Übergänge, Zwischenphasen und Transferräume reflektiert. Die Medien reichen von Malerei über Skulptur bis zu Videoarbeiten, die CGI-Animationen, AI, Partizipation und spekulative wie ökologische Perspektiven verschmelzen. Die Werke sind eingebettet in die Architektur der St. Matthäus-Kirche, darin bereits permanent installierte acht Werke von acht Künstler*innen und die Dietrich Bonhoeffer-Dauerausstellung – sowie in die Voraussetzungen der vielfältigen, sozialen und religiösen Abläufe in der Gemeinde. Gemeinsam sind dem Resonanzraum Kirche und den Kunstwerken, dass sie Debatten, Netzwerke und neue Wahrnehmungen erzeugen.

Im Zentrum von LICHTAUS LICHTAN stehen Konzepte des Dazwischen, des Unterwegsseins und der Transferräume: Phasen und Orte des Übergangs, Räume, die nicht als endgültige Destinationen gedacht sind, sondern als Zwischenstationen und Episoden des Wartens, der Reflexion sowie der Veränderung. Zustände zwischen Körperlichkeit und Körperlosigkeit, Diesseits und Jenseits, Realität und Fiktion, in denen das Abwesende ebenso bedrohlich wie schwerelos anwesend ist, fließen als Motive in alle Werke ein. Licht leitet metaphorisch die formale wie poetische Suchbewegung nach Verortung und Erkenntnis.

Die Praxis der beteiligten Künstler*innen verknüpft ein Nachdenken über die Gegenwart – geprägt von gesellschaftlicher Verunsicherung, existenzieller Fragilität und Endlichkeit – mit oft humorvollen Reflexionen über die Positionierung des eigenen Schaffens in der scheinbar überzeitlichen Kunstgeschichte.

Der einer Skizze von Norbert Schwontkowski entnommene Titel LICHTAUS LICHTAN formuliert bereits den Übergang zwischen »Licht aus«, »Licht an« und den dazwischen liegenden Zuständen des an- oder ausgeschalteten Lichts.

Diese Zwischenzustände lassen sich auf individuelle Erfahrungen, auf Phasen in der (künstlerischen) Arbeitsbiografie und das planetare sowie –metaphorisch– auf das gesellschaftliche Klima übertragen. Existenzielle Übergänge, körperliche Entgrenzung und Exil sowie humanitäre, gesellschaftliche und ökologische Krisen wie Kriege, eine weltweite Erosion demokratischer Strukturen und der rasant fortschreitende Klimawandel erzeugen eine individuell mehr oder weniger beeinflussbare Situation in einer von Ertragen, Gegenhalten, Warten, Wandel und Werden geprägten Gegenwart.

Die in LICHTAUS LICHTAN vereinten künstlerischen Positionen antworten darauf nicht illustrativ oder direkt, sondern reagieren vielmehr durch subtile erkenntnistheoretische, ontologische und formale Suchbewegungen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Konzepten des Übergangs, des Dazwischen und des Ungewissen beschäftigen – oft nicht unmittelbar politisch, aber mit tiefen gesellschaftstheoretischen Implikationen. Dies beginnt bereits im Außenraum der Kirche, wo Leiko Ikemura der Kirche mit einer Licht- und Klanginstallation ein pochendes Herz implantiert hat: Leben und Tod, Fiktion und Realität, Technik und Natur entfalten sich in dieser Multimedia-Installation als in der Wahrnehmung fließende Übergänge.

Das Altarbild stammt von Kristina Nagel: Ihre Falten und Zwischenräume als produktive Kräfte erweitern die formalen Varianten der Falte von Werken, die permanent in der St. Matthäus- Kirche installiert sind wie der Schmerzensmann (um 1500) aus der Riemenschneider-Schule oder die Arbeit »Antlitz« von Vadim Sidur. Das Werk von Kristina Nagel initiiert damit den Dialog und das Nachdenken über Zwischenzustände und Übergänge als Faltungen: Wie bei Gilles Deleuze und dessen Entgrenzung der Leibniz’schen Monaden wird die Falte zu einem Prozess der Differenzierung, der Verfeinerung und der Transformation.

Die Werke von Nicole Wermers verhandeln das Imaginäre des Raums und Räume als soziale wie psychische Landschaften, in denen in die Architektur eingeschriebene Gesten, das Ungewisse und das Potenzial zur Transformation wohnen – eine Poetik des Raums, die auch der französische Philosoph Gaston Bachelard untersuchte. Wie Micha Ullmans in der St. Matthäus-Kirche permanent installiertes Werk »Stufen« markieren ihre Werke Spuren unsichtbarer Körper. Die aus dem Flugzeugbau stammenden Elemente in den Werken von Ju Young Kim lassen an Übergangsräume und Nicht-Orte denken, wie der französische Anthropologe Marc Augé sie beschrieb: Flughäfen, Hotels oder Supermärkte sind »transitorischen Räume« und Ausdruck einer globalisierten, anonymisierten Gesellschaft, die von Entwurzelung und der temporären Identität der Subjekte in solchen Räumen geprägt ist. Wasser als Medium des Übergangs – physisch, symbolisch und politisch – klingt thematisch in Werken von Norbert Schwontkowski, Vadim Sidur, Nicole Wermers und dem Taufbecken an. Fluchtweg, Trinkwasser, als versiegende Quelle, wandernde Wasserrouten zwischen Sicherheit und Gefahr, Mangel und Überfluss, Ritual und Realität.

Doku, ein von Lu Yang seit fünf Jahren weiterentwickeltes virtuelles Wesen, betrachtet Zwischenzustände und Übergänge erkenntnistheoretisch und ontologisch radikal relationistisch wie die buddhistische Madhyamaka-Philosophie: Es gibt kein dauerhaftes Selbst, keine Substanz. Alles entsteht in Abhängigkeit, die Wirklichkeit ist relational. Doku vermittelt dies in einem Anime vor fünf permanent in der Kirche installierten Fenstern von Sigmund Hahn, die Szenen aus dem Leben Jesu und indirekt den dahinterstehenden Heiligen Geist als treibende Kraft verbildlichen (in beiden Werken als Mosaike umgesetzt – aus Pixeln bzw. Glas). Wendi Yan spielt in ihrem Werk eine spekulative gegenseitige Befruchtung der Lehren der Leibniz’schen Monadologie und des ebenfalls in das Werk von Guan Xiao einfließenden Daoismus an der Schwelle zur Aufklärung durch: Dao ist ein Prinzip des Werdens, Yin und Yang, Wandel, Nicht-Handeln bilden einen Fluss aus Beziehungen. Das Ich ist ein ständiger Aushandlungsprozess wie in Guan Xiaos Werk.

Die von Guan Xiao zitierte Wurzelholzschnitzerei aus Acryl stellt dem von Riemenschneider verwendeten Lindenholz ein Material der Gegenwart zur Seite, während die Werke von Leiko Ikemura (ihre permanent installierte Skulptur »Der Schrei« im Kirchenraum) und Isa Melsheimer den Gegenwartsbezug von Keramik ausloten. In Isa Melsheimers Hybridwesen fließen organisch Gewachsenes und gebaute Umwelt ineinander über; mit dem Roten Palmenkäfer ruft sie zudem die Thematik der Migration, des Exils und des Widerstands als Phasen des Wandels auf. Hybridwesen bevölkern auch die Werke von Vitória Cribb, die wie die Werke von Doku und Minh-Lan Tran das Oszillieren zwischen Kontrolle und Begehren als fließenden Übergang zeigen. Die von Lukas Heerich verwendeten Dekontaminierungsstiefel sind nicht nur Allegorien von Kontrolle, Reinheit und sozialem Abstand, sondern markieren Übergangszonen zwischen Körper und Raum: Wie die Stufen von Micha Ullman, ein Fenster in den oft horizontlosen Gemälden von Norbert Schwontkowski oder die zwischen Innen und Außen, Himmel und Erde, Diesseits und Jenseits angesiedelten Bleiglas- und Flugzeugfenster von Ju Young Kim.

Allen Werken gemeinsam scheint ein Plädoyer für eine ethische Haltung, die auf Verstehen, Mitgefühl und Balance beruht – und nicht auf Kontrolle, Dominanz oder Angst.

Ausstellungsteam:
Kuratorin: Anna-Catharina Gebbers
Produktion und Kommunikation: Felix von Boehm, art/beats berlin
Art Handling: WolffJordan
Registrar: Melanie Olivia Jaworski

Mit freundlicher Unterstützung der Karin und Uwe Hollweg Stiftung und der Berlin Art Week

Laufzeit:
12.05.25 – 04.01.2026

 

Ort:
St. Matthäus-Kirche
Kulturforum Berlin
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

 

Öffnungszeiten:
Di bis So, 11:00 bis 18:00 Uhr

 

Eintritt frei